„Martenstein muss zittern“

Humor ist für die neue „Titanic“-Mitherausgeberin Ella Carina Werner kühl kalkulierte, trockene Fleißarbeit. Ihre beste Pointe hat ihr jedoch ausgerechnet Bundeskanzler Olaf Scholz verdorben, wie sie in unserem Fragebogen verrät. 

Warum Ella Carina Werner Satirikerin wurde und nicht Bauchtänzerin wie ihre Mutter? Weil sie, wie sie sagt, „gerne Menschen desillusioniert und bisweilen verstört, nicht erfreut“. Das hat die studierte Kulturwissenschaftlerin, Jahrgang 1979, mit Texten in taz-Wahrheit, „Frankfurter Rundschau“ oder dem „Missy Magazine“ getan. 2016 wurde sie „Titanic“-Redakteurin. Am Weltfrauentag gab das Satiremagazin Werners Aufstieg ins bis dato rein männliche Herausgebergremium bekannt.

„90 Prozent Frauenqoute“: Titanic- Herausgeberin Ella Carina Werner. (Foto: Julia Schwendner)

Über 42 Jahre haben sich die „Titanic“-Herausgeber „vergeblich bemüht, das Heft gegen die Wand zu fahren“. Von Ihnen erhoffen sie sich „neue Impulse in dieser Richtung“. Was ist Ihr Masterplan?

Redakteursstellen abbauen, die PR-Abteilung aufblähen, die nächsten 50 Titelbilder mit dem apathischen Konterfei von Olaf Scholz zupflastern und das Heft an einen seriösen Unternehmer verkaufen, z. B. Carsten Maschmeyer. Das sollte genügen.

Was zeichnet Sie noch aus?

Ich bin einfach wahnsinnig gut, erfahren, bestens vernetzt, finanzstark und bescheiden.

Das Erfolgsgeheimnis der „Titanic“ in drei Worten?

Robertgernhardt. Maxgoldt. Helmutkohl.

Sie sind für die Frauenquote: „50 Prozent überall!“ Auch bei der „Titanic“?

Ich bin eher für 90 Prozent. Im Herbst werde ich eine Chefredakteurin als Marionetten-Regierung installieren und nach und nach sämtliche Posten weiblich besetzen, außer das Sekretariat und die Putzkraft. Ist aber noch geheim.

Kolumnist Heinz Strunk ist schon über Bord. Welcher Mann muss noch zittern?

„Titanic“-Karikaturisten wie Rattelschneck oder der Humorkritiker Hans Mentz, das kann ich alles selber. Und mein ewiger Antipode Harald Martenstein. Habe da vom „Zeit-Magazin“ eine interessante Anfrage …

Warum gibt es so wenige Frauen in Ihrem Fach?

Weil: Vetternwirtschaft und viel zu wenige weibliche Vorbilder. Googelte man vor zehn Jahren „Satirikerinnen“, fragte Google zurück: „Meinten Sie: Stripperinnen?“ Mittlerweile heißt es: „Meintest du: Historikerinnen?“ Na gut, schon mal ein Fortschritt.

Kommt Humor aus dem Bauch oder dem Kopf?

Ich bin da komplett verkopft. Stimmt die Pointendichte im dritten Absatz? Ist die Fallhöhe optimal bemessen? Kühl kalkulierte, trockene Fleißarbeit: ekelhaft, und sehr deutsch, aber irgendwie auch lustig.

Auf die Gefahr hin, Sie zu langweilen: Was darf Satire und was nicht?

Genau das nicht: langweilen! Außerdem ist das Verlachen von Schwachen recht billig und darum zu vermeiden. Harald Schmidts Diktum „Keine Witze über Leute, die weniger als 10.000 Euro im Monat verdienen“ gilt noch immer. 

Der ultimative Witz, mit dem Sie überall punkten?

Dass Olaf Scholz Bundeskanzler wird. Niemand hat an diesen technokratischen Tölpel so sehr geglaubt wie ich! Jetzt muss ich mir eine andere prophetische Pointe suchen. Wussten Sie, dass die nächste Bundespräsidentin Andrea Nahles heißt?

Im nächsten Leben werden Sie …?

Journalistin. Gern freiberuflich. Für irgendeine Tageszeitung. Habe gehört, da verdient man sich dumm und dämlich. Und Print soll ja das nächste große Ding sein.

Fragebogen: Senta Krasser

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Dieser Text stammt aus dem aktuellen medium magazin (Ausgabe 02/22). Dieses ist als Print- oder E-Paper-Ausgabe in unserem Shop erhältlich. 
Weitere Themen im Heft:
– Blick hinter die Fassade: Das Exklusivinterview mit der kritisierten SZ-Chefredaktion
– Medien-Arbeitsmarkt 2022: Wer jetzt Leute sucht und welche Skills gefragt sind
– Reizfigur: Wieso Kriegsreporter Paul Ronzheimer polarisiert